Bronzener Lufti 2020: Niemalswelt

Bronzener Lufti

Niemalswelt“ von Marisha Pessl

Lies die zweihundertfünfzig Bücher in der Wissenschaftsabteilung der Bibliothek in Warwick und eine Million Fachbücher bei Google Books und versuch rauszukriegen, ob irgendwann in der Geschichte der Welt irgendein Gelehrter wie Kopernikus, Aristoteles, Darwin oder Hawking irgendwas über Zeitfehler, kosmische Wartezimmer, tödliche Zwischenreich-Lotterien oder Menschenterrarien in der Hölle geschrieben hat.‘ Wie hieß nochmal der Begriff nach dem Sie suchen?‘, fragte mich die Bibliothekarin. ‚Niemalswelt‘. Sie tippte es in den Computer ein und schüttelte den Kopf.‘ Dazu gibt es in der Library of Congress keinen Eintrag.’“

Nach dem ungeklärten Tod ihres Freundes Jim ließ Bee ihr altes Leben zurück. Sie arbeitet im Café ihrer Eltern und hatte auch keinen Kontakt mehr zu Martha, Whitley, Kip und Cannon, den Anderen aus ihrer alten Clique. Fünf Jahre später wird Bee unerwartet zum Geburtstag von Whitley eingeladen, so trifft die Gruppe bei einem Konzert wieder aufeinander. Auf dem Rückweg im Auto geraten die Freunde in ein starkes Unwetter. Es kommt zu einem Unfall, doch die Freunde gelangen unbeschadet in Whitleys Haus. Dort sind sie jedoch nicht mehr allein. Ein Mann erwartet sie bereits und eröffnet ihnen ihr Schicksal. Sie alle hätten bei dem Autounfall ihr Leben verloren. Durch Zufall seien sie jedoch in einer Art „Zwischendimension“, der sogenannten „Niemalswelt“, gefangen. Diese könnten sie nur verlassen, wenn sie sich in einer geheimen Abstimmung auf eine einzige Person einigten, die ins Leben zurückkehren dürfe. Solange müssten sie den Tag des Unfalls immer und immer wieder erleben. – Jeder der Freunde geht anders mit der Situation um, aber ihnen allen wird langsam bewusst, dass Jims Tod der Schlüssel für die Entscheidung ist.

Marisha Pessls Roman ist wirklich mitreißend. Die Autorin hat es geschafft, das in der Literatur schon oft behandelte Motiv eines immer wieder durchlebten Tages in ein völlig neues Licht zu rücken. Denn durch die notwendige Entscheidung der Gruppe über Leben und Tod wird zusätzliche Spannung aufgebaut. Man will einfach herausfinden, wer überleben darf. Mit diesem Handlungsstrang verknüpft ist auch Jims Tod. Wie ist er wirklich gestorben?

Leider gibt es in der Umsetzung dieses vielversprechenden Konzepts aus unserer Sicht ein paar Schwachpunkte. Zum einen war die Reaktion der Jugendlichen auf ihre Situation teilweise sehr erschreckend. Man musste ohne weitere Erklärungen der Autorin versuchen, diese Handlungen zu durchschauen, wofür ein tiefes Eintauchen in die menschliche Psyche nötig ist. Was sich für ein Jugendbuch unserer Meinung nach nicht eignet. Zum Anderen ist die Auflösung rund um Jims Tod ernüchternd. Bee kannte von Beginn an einen Teil der Wahrheit, verdrängte diesen jedoch lange. Nach dem Eingeständnis fügten sich alle anderen Teile schnell und wenig ausgeschmückt im Kopf der Figur und des Lesers zusammen. Außerdem ist Bee eine eher schwache Figur. Im Verlauf der Geschichte wird ihre Naivität und die frühere emotionale Abhängigkeit zu ihrem Freund Jim immer deutlicher, was Bee auch sehr zerbrechlich erscheinen lässt. Wir hätten uns für das brisante Thema des Buches eine stärkere Hauptperson gewünscht.

Niemalswelt“ hat uns vor allem durch eine langanhaltende Spannung und ein starkes Handlungskonzept überzeugt, wir würdigen das Buch mit dem Bronzenen Lufti.

Eckdaten:

  • Die Jugendbuchjury trifft sich immer mittwochs von 16-17.30 Uhr im Wiekhaus 21, 17033 Neubrandenburg.